Freiwilligenbericht: Meine Suche nach dem Paradies ist beendet

Letzten Freitag luden mich meine Nachbar-Volontäre Jelena und Hannah ein, die Msafiri Primary School und den Kindergarten nebenan zu besichtigen. Nach einer halben Stunde besichtigte nicht mehr ich die Schule, sondern 200 Kinder mich! Die Schüler im Kindergarten sangen Willkommenslieder und die Zeit verging wie im Flug. Wir sagen und spielten. Als wir nach der etwas anstrengenden Prozedur auf der Terrasse saßen, lud mich die Leiterin der Schule ein, Jelena und Hannah übers Wochenende nach Gonja zu begleiten. Ohne zu wissen, was Gonja ist, willigte ich ein. Im Nachhinein kann ich sagen: „Kein Fehler!“

 

Um die Mittagszeit am Samstag ging die abenteuerliche Fahrt los. Ein wackeliger Truck, zwei Tansanier vorne, wir zu viert auf der Rückbank, keine Anschnallgurte und einige hundert Kilometer Buckelpiste vor uns.

Trotz der holprigen Strecke überlebte ich. Hannah knallte mit ihrem Kopf zwar öfters gegen die Autodecke und mein Sitznachbar dauernd gegen den Feuerlöscher, aber ich war  „bequem“ gebettet und in Sicherheit. Vor den Fenstern zieht die tansanische Landschaft an uns vorbei und die ist wirklich beeindruckend. Anfangs das typische Bild, welches ich aus Kisangara kenne: Auf der einen Seite des Highways die hohen Berge, auf der anderen Seite die rote Massai-Steppe. Allein der Anblick verschlägt mir jeden Morgen nach dem Aufstehen die Sprache. 

Charlotte (links) mit den Freiwilligen der Nachbarschule in Gonja
Charlotte (links) mit den Freiwilligen der Nachbarschule in Gonja
Bilck über die Weiten Tansanias von Gonja aus

Biegt man aber hinter Same vom Highway ab, gelangt man in eine bergigere Gegend. Zehn Minuten fährt man durch malerische, verschlafene, tansanische Dörfer, winkt den Kindern, versucht einen Blick in die Lehmhütten der Einheimischen zu erhaschen, sieht die jungen Pikki-Pikki-Fahrer (Motorrad-Taxis) rauchend an den Busbahnhöfen stehen oder Massai-Kinder nur mit einem Kanga bekleidet ihre Ziegen und Kühe hüten.

Kurz darauf kann man plötzlich Kilometer weit ins Land blicken. Keine Menschen, keine Häuser, keine Bäume weit und breit. Nur einige gedrungene Büsche und am Horizont eine lange Bergkette. Dann plötzlich eine grüne Explosion. Palmen bilden eine Allee, exotische Vögel fliegen über die Straße und der rote Boden ist von einem saftig-grünen Grasteppich überwuchert. Regen beginnt zu fallen, die Fenster des Trucks werden geschlossen, man sieht nur noch wenige Meter weit. Der Geruch aber verschlägt einem den Atem. Es riecht wahnsinnig würzig, als ob gerade mit sämtlichen Kräutern Tansanias gekocht wird. Der Regen hört auf, es riecht nach Eukalyptus. Eine kleine Straße schlängelt sich den Berg nach oben. Während man ständig gegen Sitznachbarn oder Autowände gedrückt wird, geht es immer weiter bergauf. Mit jedem Höhenmeter sieht es draußen tropischer aus. Die Bäume werden höher, die Pflanzen bunter, Bananenstauden säumen den Wegrand. In rasantem Tempo geht es nach Gonja.


Dort angekommen eröffnet sich ein wahnsinniger Blick ins Tal. Man kann über 250km weit bis nach Kenia sehen. Die Wolken bilden Schatten und das Tal wirkt wie mit Kuhflecken übersäht. Erst vermuteten wir, es sei nur eine kitschige Kulisse die gleich wieder zusammen gerollt wird, aber es schien dann doch echt zu sein. Wir schnappen unser Gepäck vom Anhänger und wurden von unserem Gastgeber Michael zu seinem Haus geführt. Der Weg führt an tropischen Gewächsen, Mango und Papaya Bäumen, vorbei an vielen kleinen Hütten und winkenden Einheimschen weiter den Hang nach unten. Wir rutschten in unseren Schlappen die ganze Zeit aus, allgemein war ich auf diese Kletterpartie nicht eingestellt.

Als ich das Haus sah wusste ich allerdings, dass sich die aufgeschlagenen Beine und Füße gelohnt haben. Wie am Hang klebend liegt da eine komfortable Lehmhütte in einem großen, wilden Garten. Es fliegen bunte Schmetterlinge, Hühner picken auf der Wiese und aus der Küche zieht Dampf. Zuerst begrüßen wir alle, dann laufen wir durch den Garten über einige Felsen zu einem Wasserfall. Ich war sowieso schön völlig fertig mit den Nerven (Diagnose: Schock wegen zu viel idyllischer Klischee-Landschaft), als sich von einem ca. 30 Meter hohen Felsen plötzlich schwarze Wesen über uns herunter stürzen. Erst dachte ich, ein afrikanischer Stamm begeht kollektiv Selbstmord, als die Wesen sich aber locker in den Baumkronen auffingen und von Liane zu Liane weiter sprangen erkannten wir die grauen Affen. So standen wir eine Weile ganz still da und versuchten, den Anblick, den Geruch und das Gefühl ganz in uns aufzunehmen.

 

Zurück im Haus gingen wir in den kleinen, rußigen Küchenraum um Neema, 22 Jahre alt, beim Kochen zu helfen. Aus Gastfreundschaft ließ sie das allerdings nicht zu. So mussten wir mit dem Panorama-Ausblick aus dem Küchenfenster vorlieb nehmen und führten mit ihr und Lazare, der später dazu kam Gespräche über eine neue, junge und aufgeklärte Generation in Tansania.

Es gab: Reis mit Spinat und Kräutersalz. Sehr lecker, obwohl ich vermutlich nur das Kräutersalz geschmeckt habe. Dazu frischen Pfefferminztee aus dem Garten. Draußen in der Dämmerung sah man nur noch die Nebel verhangene Silhouette des Regenwaldes und die Glühwürmchen im taunassen Gras. An einem kleinen Wasserfall spülen wir das Geschirr und putzen uns die Zähne. Da wir von der Fahrt und der Klimaänderung extrem müde waren, gingen wir gleich ins Bett. Dort oben braucht man nicht mal Moskitonetze – welch ein Luxus! Wir schliefen zu viert in einem Raum und wenn sich jemand umdrehte, klangt das Knarzen des Bettes so, als ob ein Huhn mit den Flügeln schlägt. Irgendwann träumte ich von diesem Geräusch und dachte, ein Huhn säße auf meinem Gesicht und ich schrie ziemlich laut. Von meinem eigenen Lärm wachte ich auf und der Traum und besonders der Schrei führten am nächsten Morgen zu viel Gelächter bei meinen Zimmergenossinnen, die alle nachts wach geworden waren!

Frühstück mit Toast und Margarine auf einem Bänkchen zwischen roten und orangenen Paradies-Blumen – was kann man sich Schöneres vorstellen? Um neun Uhr kletterten wir den Berg wieder hinauf, um zur Kirche zu gelangen. Die liegt idyllisch auf dem höchsten Hügel des Dorfes und bietet einen Blick bis nach Kenia. Die Landschaft hebt sich von den tansanischen Frauen ab, die sonntags in ihren schönsten, bunten und gemusterten Stoffen auf der Wiese sitzen. Man schüttelte jedem und jeder die Hand, stellte sich vor und wurde willkommen geheißen – Karibu! Asante Sana!

 

Der Gottesdienst begann mit dem Auftritt einer Blaskapelle. Die Männer haben sich das Spielen selbst beigebracht und improvisierten auf ihren baufälligen Instrumenten. Dafür klang der ohrenbetäubende Lärm ziemlich gut. Wir mussten uns mit drei anderen Weißen, den Wazungu, vorne neben dem Altar setzen. Dieses Wochenende wurde das Jubiläum eines Wasserprojektes im Dorf gefeiert. Neben den drei anderen Deutschen waren alle wichtigen Personen der Region anwesend. Der Gottesdienst ging zwar nur knapp über drei Stunden, aber ich langweilte mich trotzdem ein bisschen, da ich ja kein Suaheli verstehe. Da waren mir die musikalischen Einwürfe ganz Recht! Es gab verschiedene Chöre bestehend aus jungen Frauen und jungen Männern, andere eher aus älteren Menschen. Ich vermutete, sie waren nach Jahrgängen geordnet. Vielstimmige fremde Klänge auf Suaheli erklangen, am Keyboard versuchte ein junger Tansanier Kadenzen zu den Kirchenliedern zu spielen. Auch traditionelle tansanische Trommeln findet man in jedem der kleinen Chöre und die Blechbläser spielten eh alles mit, was sie kannten. Einer der größeren Chöre sang die deutsche Nationalhymne für uns auf Suaheli. Wir mussten aus Höflichkeit aufstehen, aber als sie dann – vermutlich aus Versehen – auch die dritte Strophe der Hymne sangen, wollte ich mich eigentlich aus Protest hinsetzen. Trotzdem bliebe ich aus Höflichkeit stehen: war es doch eine nett gemeinte Geste! Für die meisten Tansanier ist es sehr verwunderlich, dass wir Deutschen uns auch negativ über unser Heimatland äußern. Oft fragen die Schüler mich, wieso ich keine „Vaterlandsliebe“ empfinde und ob es mich nervt, dass jeder Tansanier von mir zu allererst die deutsche Nationalhymne hören möchte. Ich versuche ihnen dann meist die deutsche Geschichte zu erklären und auf Verständnis zu stoßen. Das klappt auch meistens.

 

Den Gottesdienst über beobachtete ich die anderen Menschen im Raum. Die bunten Gewänder und Kopftücher oder Turbane der Frauen sind beeindruckend schön! Ich war überrascht, dass man hier zwei Mal im Gottesdienst spendet. Beim ersten Mal nur einen kleinen Betrag, bei der zweiten Kollekte bringen die Leute ihre Kirchensteuer in einem Umschlag nach vorne. Derjenige, der sich die Spenden nicht leisten kann, bringt einfach Naturalien mit und legt sie vor den Altar. Als mit dem Abendmahl der Gottesdienst beendet war, traten wir vor die Kirche und die Spenden spielten erneut eine wichtige Rolle: Alle Naturalien wurden wie bei einer Auktion versteigert! Man konnte Bananen, Eier, Wurzeln und alle möglichen anderen Dinge aus dem Garten zu Gunsten der Kirche ersteigern. Da wir mit unseren wenigen Suaheli-Kenntnissen der raschen Versteigerung nicht genau folgen können, hielten wir uns lieber raus. Am Ende standen jedoch zwei volle Tüten neben uns, die wir natürlich auch bezahlen müssen. Wir wissen zwar bis jetzt noch nicht, wie wir das alles ersteigert haben, aber da es nicht so teuer war, nahmen wir die Ananas, zwei Yam-Wurzeln, Bananen, und allerlei mehr mit, um es unserer Gastfamilie zu schenken.


Weiter geht’s zum Wasserfall. Wir laufen auf den geschlungenen, roten Sträßchen durch die wunderbare Natur. Dabei sind wir die Attraktion des Tages in den umliegenden Dörfern: Nicht häufig kommen Wazungu in diese Gegend, die vom Tourismus verborgen oben auf dem Berg liegt. Manche der jungen Kinder fangen bei unserem Anblick zu weinen an, andere freuen sich und rennen uns hinterher um unsere Haare anzufassen. Die „Mzungu, Mzungu“-Rufe schallen uns noch lange nach dem Verlassen des Dorfes hinterher. Ich weiß meistens nicht, was ich von diesen Rufen halten soll: Mzungu – Weißer. Manche der Rufe klingen sehr nett, andere eher provokativ, ungläubig – ein Mix aus Sympathie, Neugierde, Unsicherheit und Abneigung. Der Unterschied im Umgang mit Ausländern oder Menschen anderer Hautfarbe zwischen Afrika und Europa wurde mir im Zuge meines Ghana-Austauschs klar: Ich fuhr mit einer Gruppe schwarzer Ghanaer in der S-Bahn nach Stuttgart. Die Mitfahrer starrten die Ghanaer entweder offensiv an oder taten so, als ob sie Sie gar nicht sehen konnten und setzten sich möglichst weit weg. Da finde ich die Mzungu-Rufe angenehmer! Dort auf dem Land freuen sich die meisten Menschen auch über unser Auftauchen und wir tauschen sogar einige Sätze aus.

Blick in den Garten in Gonja
Bananen wachsen in Tansania im Garten, hier in Gonja
Blechbläser vor der Kirche in Gonja, Tansania
Tansanisches Mamas (Suaheli für Frauen) im Sonntagsgewand
Die TansaniaFreiwilligen Hannah, Jelena und Charlotte im Bericht aus ihrer Zeit an der Schule

Es geht den Berg hinunter und nur vereinzelt tauchen kleine Hütten auf. Das Rauschen eines Flusses unter den hohen Bäumen wird lauter. Wir stapfen lange am Waldrand entlang, aber finden den kleinen Trampelpfad zum Wasserfall nicht. Als wir eine Gruppe junger Tansanier im Fluss entdecken die dort ihre Wäsche waschen wissen wir, der Wasserfall kann nicht mehr weit weg sein. Tatsächlich taucht er hinter der nächsten Biegung auf. Über die Felsen klettern wir mitten in den Fluss – das funktioniert, da der gerade nicht besonders viel Wasser führt. Nachdem mich Hannah und Jelena beruhigen, es gäbe hier anscheinend keine Krokodile, Wasserschlangen oder Würmer traue ich mich auch ins kühle, klare Becken am Fuße des Wasserfalls. Wir liegen auf dem Rücken, lassen uns mit der Strömung treiben und schauen in den Himmel über den Äste der hohen Bäume. Wir trocknen uns auf einem Felsen und machen uns auf den Rückweg, weil es bald dunkel wird. Hannah hatte durch den Erfolg ihres Orientierungssinns bei der Suche des Wasserfalls ein etwas übersteigertes Selbstbewusstsein. „Jetzt wo wir den Wasserfall gefunden hätten, würde sie den Weg über Trampelpfade im Dschungel natürlich auch finden! Zur Not könne man sich nach dem Sonnenstand richten...“ Also dackelte ich den beiden durch den Dschungel. Nachdem wir uns nur einmal (!) verlaufen hatten, waren wir heil aus dem Wald gekommen.

Zuhause angekommen verbrachten wir unsere Zeit in Michaels Garten auf dem „König der Löwen Felsen“ und blickten bis es dunkel wurde hinunter ins Tal. Mit Neema und Lazare unterhielten wir uns auch nach Einbruch der Dunkelheit noch lange über die Traditionen in Tansania. Beispielsweise dürfen sich Mann und Frau in der Öffentlichkeit nicht mal berühren, egal ob sie verheiratet sind oder nicht. Nach einem langen Abend und einem ereignisreichen Tag ging ich müde ins Bett.

 

Das Highlight des letzten Morgens war der Gouda, den die anderen Deutschen mitgebracht hatten. In Tansania gibt es kaum Milchprodukte und so ist Käse etwas wirklich besonderes! Gestärkt packten wir unsere Rucksäcke und schleppten uns den Berg hinauf zur Kirche. Heute sollte das Fest zum Wasserprojekt stattfinden. An der Kirche angekommen erfuhren wir allerdings, dass der Bischof noch nicht mal aus Same (ca. drei Stunden entfernt) losgefahren wäre und wir vor der Kirche warten sollten. Wir setzten uns ins Gras und ließen den Blick übers Tal schweifen. Sogar eine schwarze, lange Schlange konnten wir etwas weiter in der Wiese ausmachen. Nach und nach kamen die Tansanier näher in unsere Richtung.

Wie aus dem Nichts fing plötzlich eine Frau an, unsere Fußnägel mit lila Nagellack zu bemalen. Diese Situation war irgendwie so befremdlich, dass wir alle lachen mussten und uns herzlich bei ihr bedankten. Diese Aktion hatte den Bann der Weißen gebrochen und gefühlt standen nun sämtliche Kinder aus Gonja um uns herum. Wir witzelten herum und die anfängliche Scheu verflog bald. Irgendwann hatte ich dann ein Kind auf dem Arm und wir spielten Hoppe-Hoppe-Reiter was zu allgemeiner Belustigung, auch bei den Müttern, beitrug.

 

Dann begann die vierstündige Zeremonie mit nur zwei Stunden Verspätung, was für tansanische Verhältnisse ja eigentlich eine gute Bilanz ist! ;) Leider verstand ich dieses Mal gar nichts. Eine Rede blieb mir jedoch im Kopf, mein Hintermann übersetze sie für uns. Ein Mann sprang plötzlich auf und übte mit dem Chor innerhalb von kürzester Zeit einen vierstimmigen Gesang und dazu mit den ganz alten Mütterchen einen Tanz ein, bei dem sie sich wild bewegten und ich mich wunderte, woher sie diese Kraft und Beweglichkeit in dem Alter kam. Nach dieser frenetisch gefeierten Einlage erklärte er, mit donnernden Worten und überschwingenden Gesten, dass man sich auch in Gonja wieder an die alten Traditionen erinnern sollte und sich nicht nur an westlichen Werten orientieren soll. Eine etwas bizarre, aber doch spannende Angelegenheit. Mit dem Ende der Zeremonie waren wir auch am Ende unseres Aufenthalts in Gonja angekommen.

 

Zurück ging es wieder im Truck. Die Rückfahrt gestaltete sich ebenso wie die Hinfahrt. Nun bin ich schon wieder ganz im Schulalltag angekommen, den Ausflug nach Gonja werde ich aber nie vergessen! Außerdem tat es sehr gut, einmal mehr vom Land zu sehen als die Schule und die umliegenden Felder. Das hilft anzukommen und zu realisieren, wo man überhaupt ist – in Tansania!

 

Viele Grüße nach Deutschland,

Charlotte

 Friends of One World

 Secondary School Kilimanjaro e.V.

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