Eine Schule voller Musik -- Andis vier Monate an der OWSK

Andi mit Schülern der OWSK beim Musikunterricht // Vier Monate war der Mannheimer Student an der deutsch-tansanischen Modellschule in Ostafrika
Andi mit Schülern der OWSK beim Musikunterricht // Vier Monate war der Mannheimer Student an der deutsch-tansanischen Modellschule in Ostafrika

Meine Arbeit als Musiklehrer war ein bunter Strauß verschiedenster Aktivitäten. Die Schulleitung hat mir völlige Gestaltungsmöglichkeit eingeräumt, was es mir ermöglichte, durch Flexibilität, die wenige Zeit, die für Musikprojekte zur Verfügung stand, optimal zu nutzen.

Ich habe täglich die freien Nachmittagsstunden und am Wochenende auch den Vormittag mit Projekten zu Themen wie Songwriting, Texten und Studioarbeit, von einer Percussion-Gruppe bis hin zu Saxophon-, Klavier- und Gitarrenunterricht, gefüllt. Außerdem haben wir diverse Songs aufgenommen, mehrere Musikvideos sind entstanden, Schülerbands haben sich gegründet und wir haben zwei Konzerte auf die Beine gestellt.

 

Alles in allem waren 35 Schüler mit unterschiedlich starkem Engagement an den Projekten beteiligt. Viel wichtiger als diese vielen Ergebnisse und Produkte, die erarbeitet wurden, ist aus meiner Sicht die persönliche Entwicklung, die die Schüler offensichtlich während der Arbeit gemacht haben. Ich konnte der Musik bei ihrer Arbeit als Lehrinstrument buchstäblich zusehen! 

 

Zum Beispiel in dem Moment, in dem die zehn Jungs der Percussiongruppe, alle mit einer Trommel, einem Stück Blech oder einem Eimer in der Hand, realisierten, dass sie jetzt nicht nur meine Anweisungen befolgen und langweilig einfache Rhythmen klopfen, sondern tatsächlich Musik hervorbringen und zu einer Gruppe werden, in der die Balance aus Individuellem (das eigene Instrument mit einer bestimmten, kleinen Aufgabe) und dem Gefühl für die Gruppe (Zuhören, nicht zu laut spielen, das Tempo halten etc.) etwas Schönes, Musik die mitreißend ist, ermöglicht. Da haben die Augen geleuchtet…

 

Direkt reinhören in die One World Band! // Produktion von Andi Haslacher © 2016

Mark spielt Saxophon - und strahlt breiter als sein Instrument!
Mark spielt Saxophon - und strahlt breiter als sein Instrument!

Die größte Herausforderung, um diese Prozesse in Gang zu bringen und letztlich auch zu so erstaunlichen, vielfältigen und hochwertigen Ergebnissen zu gelangen, war das Motivieren der Schüler. Hierfür sehe ich zwei Gründe. Der eine ist das hohe Lern- und Konzentrationspensum, das von den Schülern gefordert ist, bedingt durch die Gesetze des tansanischen Schulsystems. Von einem jungen Jugendlichen, der ca. acht Stunden täglich mit theoretischem Lernen beschäftigt ist und zusätzlich seine Wäsche waschen muss und Arbeiten auf dem Grundstück zu erledigen hat, kann man kaum verlangen, in den zwei freien Stunden, die ihm bleiben, auch noch Musik zu machen, und schon gar nicht, sie konzentriert zu erlernen. Den zweiten Grund für die hohe Motivationsschwelle habe ich in der Prägung der Schüler gesehen, die Welt in richtig und falsch zu gliedern, ohne dabei sich selbst eine Entscheidungs- oder Interpretationsfreiheit einzuräumen.

Musikmachen bedeutet jedoch genau das: Gebrauch von seiner geistigen Freiheit zu machen, sich mit seinem Körper auseinanderzusetzen, seine Sinne zu erforschen. All das war für viele neu, unverständlich oder nicht erstrebenswert. Umso großartiger war es immer ab dem Moment, in dem sich die Schüler neugierig und genießend diesen neuen Erfahrungen hingegeben haben, und so große Schritte in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gemacht haben, die ihnen nicht zuletzt helfen wird, mit dem harten Schulsystem fertig zu werden, und auch im späteren Leben einen für sie richtigen Weg zu finden.

Ein Aspekt meiner Erfahrung, den ich hier auch anführen möchte, sind die kulturellen und sozialen Besonderheiten der Tansanier, die für mich neu und in positiver Weise lehrreich waren. Ich hatte das große Glück, in den Sommerferien, also den ganzen Dezember über, mit einer tansanischen Band zu leben, Konzerte zu spielen und unterwegs zu sein. So konnte ich auch erwachsene Tansanier intensiv kennen lernen, und dadurch wiederum die Schüler besser verstehen. Ich habe zum Beispiel eine tief verankerte und selbstverständliche Hilfsbereitschaft erfahren. Auffallend für mich war, dass diese Hilfsbereitschaft weniger wie bei uns ein Akt der Nächstenliebe ist, der mindestens Anerkennung einfordert, sondern vielmehr ein logischer, instinktiver Wesenszug, der das Leben für alle vereinfacht. Ein weiteres Beispiel war der Umgang mit Prioritäten im alltäglichen Leben: Ein Gespür dafür, dass oft etwas wichtiger ist als das was geplant wurde, und dementsprechend zuerst Aufmerksamkeit verlangt. Natürlich lässt sich das schwer mit unserer Pünktlichkeits- und Planungskultur vereinbaren, war aber für mich ein sehr inspirierendes Erlebnis.

 

Rückblickend war aus meiner Sicht dieses Projekt für die Schüler und mindestens im gleichen Maße für mich, ein toller Erfolg, für dessen Ermöglichung Ich der Schulleitung danken möchte. Ich hoffe dass meine zugegebenermaßen kurzen vier Monate ein weiterer Impuls für zukünftige musikalische Arbeit an der One World Secondary School sind und werde mich auch dafür einsetzten dass es Nachfolgeprojekte geben wird.

 

 

 

Andreas Haslacher ist 24 Jahre alt und Musikstudent aus Mannheim. Er arbeitete von Oktober 2015 bis 2016 als Musiklehrer an der One World Secondary School Kilimanjaro und berichtet hier von seinen Erfahrungen, Erfolgen und Misserfolgen.

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