Afrika auf Augenhöhe?

Gedanken eines Freiwilligen an der One World Secondary School Kilimanjaro.

Die Frage um die es sich dreht steht fett in meinen Notizen zur Vorbereitung: Afrika auf Augenhöhe? Ein toller Satz. Ein ambitioniertes Ziel. Wir gut behüteten Deutschen machen uns auf den Weg das "wahre" Afrika zu erleben. Klingt vernünftig. Klingt ehrlich. Klingt gut. Verkauft sich bestimmt auch so. Aber was soll dieses „Afrika auf Augenhöhe“ sein? Soll es heißen, dass ich mich nicht wie ein Tourist aufführen soll? Dass ich hier mehr mitnehmen kann, als jemand der zum Urlaub her kommt?

Erlebe ich Afrika auf Augenhöhe? Während der Busfahrt ziehen an mir Lehmhütten und Viehherden vorbei. Der Bus hält. Menschen in einfacher Kleidung stehen am Straßenrand. Der kleine Junge, kaum älter als meine Schüler, winkt mit einem Karton Erdnüssen. Er guckt in das Gesicht eines Weißen, in mein Gesicht. Was er wohl denkt? Ob wer wütend darauf ist, dass es anderen Menschen besser geht als ihm? Geht es mir besser? Oder ist es ein Trugschluss zu denken, dass es diesem Jungen schlechter geht als mir? Wer sagt mir, dass mein Maßstab nicht vollkommen falsch ist? Aber vielleicht ist er auch traurig, dass andere Kinder in die Schule gehen können, während er Nüsse an Reisende verkauft. Ich gucke in sein Gesicht und denke, was soll Afrika auf Augenhöhe sein? Soll ich mich wie Diogenes in der Tonne aller meiner Habseligkeiten entledigen und auch Nüsse verkaufen? Bin ich dann auf Augenhöhe? Verstehe ich Tansania dann besser, als ich es jetzt tue?

 

Vielleicht.


Erlebt man auf Augenhöhe? Lebst du auf Augenhöhe? Was ist eigentlich diese Augenhöhe und warum soll sie so wichtig sein?

Ich meine, dass hinter dieser Floskel ein Ansporn zum Denken liegt. Der Ansporn zum Fühlen und Erleben. Ich sollte mich mit der Kultur, mit dem Land und mit den Menschen auseinandersetzten. Ich soll sehen, dass vielen hier nicht so gut geht wie mir in Deutschland. Und ja, das ist es, was ich hier verstehen muss. Nicht, dass ich in einer Lehmhütte ohne Strom und fließend Wasser lebe. Es geht doch darum, dass ich begreife, dass ich lerne und dass ich vielleicht sogar hier sitze und diesen Text schreibe. Wenn ja, dann habe ich verstanden was mir Afrika auf Augenhöhe vermitteln möchte. Wenn nicht, dass gucke ich immer noch in das Gesicht des Jungen und denke nach.

Denke, ob ich mich für mein Leben rechtfertigen muss. Für die Erfahrungen, die ich sammle. Denke, ob ich diesen Text überhaupt schreiben soll. Denke, ob die Art und Weise, wie ich lebe, Afrika auf Augenhöhe ist?

Mir ist klar, dass die One World Secondary School eine Insel ist. Eine Insel, die wenigen Schülern Möglichkeiten bietet. Eine Insel, die durch Deutsche und ihren Lebensstil nicht dem tansanischen Durchschnitt gleicht. Ich wohne nicht in einer Lehmhütte, muss nicht den ganzen Tag über schwere Feldarbeit verrichten und kann meine Kinder trotzdem nicht zur Schule schicken, weil diese zu weit weg ist, oder nicht bezahlbar. Ich lebe nicht wie Diogenes. Aber will „Afrika auf Augenhöhe“ solch ein Verhalten? Wenn ja, warum? Ich bin und bleibe weiß. Ich bin und bleibe ein Mensch aus einem fremden Kulturraum. Ich bin und bleibe derjenige, der das akzeptiert und aufnimmt.

 

Ich möchte niemand sein, der die Augen verschließt. Ich möchte jemand sein, der das verarbeitet und daraus lernt. Ich möchte jemand sein, der das Land erlebt. In allen seinen Höhen und Tiefen. Afrika auf Augenhöhe. Zumindest für mich. 

Friends of One World

Secondary School Kilimanjaro e.V.

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